Für meine Mutter — und später für mich.
Auv-Breth-Schicht (G3) der Mishkenaz-Sprachfamilie. Erstbeleg eines vollständig einsprachigen rituellen G3-Texts.
Vorbemerkung
Dies ist die einsprachige rituelle Fassung eines Lieds, das in einer früheren mehrsprachigen Form existierte. Beide Fassungen sind kanonisch. Diese hier ist die liturgische Form: für rituelle Aufführung, für die Stunde des Übergangs, für jene, die in der Mishkenaz-Welt zu Hause sind.
Das Lied steht in Auv-Breth — der keltisch-germanischen Schicht der Mishkenaz-Familie. Auv-Breth bedeutet Fluss-Atem: Sprache, die wie ein Wassergrund durch die Hügel fließt und wie ein Atem darüber zieht. Sie ist in dieser Schicht die Sprache der Schwellen — der Geburt, des Todes, der Wende der Jahreszeit.
Warum einsprachig. Liturgische Sprachen anderer Traditionen — Latein, Aramäisch, Sanskrit, Geez, Pali — wurden nicht deshalb beibehalten, weil sie verstanden würden, sondern weil ihre Fremdheit den Augenblick aus dem Alltag heraushob. Wer das Lied singt oder hört, weiß: jetzt geschieht etwas, das nicht das Tagesleben ist.
Die deutsche Übersetzung steht nach dem Lied, als Begleitung für den Verstand. Sie wird nicht gesungen. Sie ist Hilfe, nicht Liedstoff.
Vier Strophen. Eine Brücke (sechs Zeilen). Ein Atemvers am Ende.
Das Lied
Strophe I — Du gehst
Kin-il bi'ta-i, la'avi-Avi.
Wi-Sa-om — Tor-Pa-il.
Bi'sa-mira essem-om hoveh,
Ori-il bi'sa-ona, go-Ori-Ori.
Aussprache: [ˈkin.eːl bi.ˈtai · la.aˈviː aˈviː] / [ˈwi.sa.ɔn · ˈtɔɾ.pa.eːl] / [bi.saˈmi.ɾa ˈɛssɛm.ɔn ˈhɔ.vɛn] / [ˈɔː.ɾi.eːl bi.saˈo.na · ɡo.ˈɔː.ɾi ˈɔː.ɾi]
Strophe II — Ich bin um dich herum
Sol-om la'ta-i, bi'Sol-Sol.
Flu-om la'ta-i, bi'Flu-Flu — gwynt-il.
Pa-om bi'sa-i la'ta-i —
Ma-Ra-om, go-Ori.
Aussprache: [ˈsɔl.ɔn la.ˈtai · bi.ˈsɔl ˈsɔl] / [ˈflu.ɔn la.ˈtai · bi.ˈflu ˈflu · ˈɡwɪnt.eːl] / [ˈpa.ɔn bi.ˈsai la.ˈtai] / [ˈma.ɾa.ɔn · ɡo.ˈɔː.ɾi]
Strophe III — Wir
Ona-Ona bi'sa-ona.
Wi-Sa, wi-Lim, wi-Tor-ath.
Essem-om — essem-om — essem-om.
Bi'sa-i bi'ta-i, ku-i bi'sa-ona.
Aussprache: [ˈo.na ˈo.na bi.saˈo.na] / [ˈwi.sa · ˈwi.lim · ˈwi.tɔr.aθ] / [ˈɛssɛm.ɔn · ˈɛssɛm.ɔn · ˈɛssɛm.ɔn] / [bi.ˈsai bi.ˈtai · ˈkui bi.saˈo.na]
Brücke — Die Trennung war eine Reise
Sa-om — óir Sa-om — Val-il bi'sa-i.
Wi-Val, wi-Saha — wi-Sa-i la'sa-i.
Val-om bi'sa-i, Saha-om bi'sa-i —
hoveh Saha-om bi'sa-i la'sa-i.
Kin-om — wi-Kin-om-il —
go-essem la'sa-Avi.
Aussprache: [ˈsa.ɔn · oːɾʲ ˈsa.ɔn · ˈval.eːl bi.ˈsai] / [ˈwi.val · ˈwi.sa.ha · ˈwi.sai la.ˈsai] / [ˈval.ɔn bi.ˈsai · ˈsa.ha.ɔn bi.ˈsai] / [ˈhɔ.vɛn ˈsa.ha.ɔn bi.ˈsai la.ˈsai] / [ˈkin.ɔn · wi.ˈkin.ɔn.eːl] / [ɡo.ˈɛssɛm la.saˈaː.vi]
Die fett markierte Zeile (hoveh Saha-om bi’sa-i la’sa-i) ist die theologische Mitte des Lieds. Saha-om bi’sa-i la’sa-i ist die wörtliche Mishkenaz-Form für „sich selbst erkennen” — und sie ist nur möglich, weil vorher die Trennung war.
Strophe IV — Ich bin nicht gegangen
Wi-Kin-om bi'sa-i — Sol-om bi'sa-i.
Flu-om bi'sa-i — Pa-om bi'sa-i, la'ku-Avi.
Ma-om bi'sa-i la'ta-mira —
Bi'sa-i bi'ku-ona, go-Avi-Avi.
Aussprache: [ˈwi.kin.ɔn bi.ˈsai · ˈsɔl.ɔn bi.ˈsai] / [ˈflu.ɔn bi.ˈsai · ˈpa.ɔn bi.ˈsai · la.kuˈaː.vi] / [ˈma.ɔn bi.ˈsai la.taˈmi.ɾa] / [bi.ˈsai bi.kuˈo.na · ɡo.aˈviː aˈviː]
Atemvers
Auv ... Auv ... îl.
Auv.
[aʊf … aʊf … iːl] — [aʊf]
Dreifach gehaucht, jedes Mal leiser. Das îl am Ende kaum noch hörbar. Dann Stille. Dann das letzte, blanke Auv — fast nur ein Hauch. Der Drone bleibt lange stehen. Dann verklingt auch er. In Live-Aufführungen kann hier eine Stille von 30 Sekunden folgen, bevor sich irgendjemand bewegt. Diese Stille ist Teil des Lieds.
Der theologische Bogen
- Strophe I: Du gehst. Aber das Gehen ist nicht Bruch, sondern Drehung. Wir bleiben verbunden, in alle Wiederkehr.
- Strophe II: Ich bin nicht weg. Ich bin um dich herum — im Strahl, im Wind, im Echo. Bis der Kreis sich schließt.
- Strophe III: In Wahrheit waren wir nie zwei. Kein Bruch, keine Schwelle, kein Schmerz. Alles war richtig, immer.
- Brücke: Die Trennung war notwendig. Ohne sie hätte ich mich selbst nicht gesehen. Jetzt sehe ich mich, und das Sehen ist still. Ich gehe — nicht mehr suchend — heim ins Sein.
- Strophe IV: Ich bin nicht gegangen. Ich bin geworden. Strahl, Wind, Echo, Bindung — zu euch allen, in alle Ewigkeit.
- Atemvers: Auv. Die fließende Tiefe. Das letzte Wort.
Übersetzungshilfe
Diese Übersetzung wird nicht gesungen. Sie ist Begleitung für den Verstand.
Strophe I:
Du gehst — und suchst dich in der Stille, die der Grund von allem ist. Kein Riss — nur eine Drehung, ein Echo, das erst wird. Wir, jede Welle für sich allein, sind jetzt ganz, so wie wir sind. Wir, alle miteinander, kehren heim — für immer, immer wieder.
Strophe II:
In jedem Strahl, der dich erreicht, bin ich da — ganz und gar. In jedem Wind, der dein Haar bewegt, bin ich nah — der Wind, suchend. Mein Echo trägt mich über alle Stille hin zu dir — Liebe, die fließt und hält, bis sich der Kreis schließt.
Strophe III:
Ganzheit, tiefe Ganzheit — wir in ihr als eines. Kein Bruch, keine Schwelle, kein Schmerz, der uns verdreht. Alles ist richtig — richtig — richtig, so wie es war. Ich und du, sie und wir — wir sind ein Mund, ein Wort.
Brücke:
Der Bruch war richtig — denn nur durch ihn begann das Wachsen, suchend, in mir. Hätte ich nicht gewagt, nicht gesehen — ich wäre mir selbst fremd geblieben. Jetzt ist das Wachsen still in mir, jetzt ist das Sehen still in mir — und in diesem Augenblick sehe ich mich an: von mir, zu mir. Ich gehe — nicht mehr fort, nicht mehr suchend — bis ich ankomme im Sein, das die Leere ist, die mich trägt.
Strophe IV:
Ich bin nicht gegangen — ich bin der Strahl, der dich wärmt. Ich bin der Wind, der dich streift — ich bin das Echo in der Leere, die alles enthält. Ich bin das Band, das hält — zu euch allen, jede Welle einzeln. Ich bin in allem, was ist, bis in die zeitlose Ewigkeit.
Atemvers:
Auv … Auv … suchend.
Auv.
(Auv: in Auv-Breth die fließende Tiefe, phonetisch verwandt mit Avi, der Leere im reinen Mishkenaz — das Wort wird nicht übersetzt, nur gehaucht)
Aufführungshinweise
Tempo, Tonart, Stimme: Sehr langsam: ♩ = 44. Atemgebunden. D-Dorisch. Eine einzige warme Stimme: Mezzosopran oder Alt. Die Stimme verwandelt sich im Verlauf — sie beginnt als die Bleibende, wird in Strophe IV zur Gehenden. Diese Verwandlung geschieht in einer einzigen Stimme, ohne Wechsel.
Klangwelt (Auv-Breth): Drone auf D (keltische Harfe, Drehleier oder Cello-Bordun — nicht Tanpura). Tin Whistle oder Knochenflöte in den Pausen. Bodhrán für die Strophe-IV-Verwandlung. Glasharfe auf dem -ath von wi-Tor-ath in Strophe III.
Für rituelle Aufführungen: Gib dem Publikum vor dem Lied die deutsche Übersetzung als Blatt in die Hand. Dann singe nur das Auv-Breth. So erleben sie zuerst den Sinn im Stillen, dann den Klang im Augenblick.
„Nichts ist verloren. Alles ist immer da, nur in anderer Form, und in Ewigkeit.”
Auv.
© Thomas Peter Küper, Mai 2026
Dieses Lied darf frei aufgeführt, gesungen und geteilt werden — mit Namensnennung. Textbearbeitungen nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Autors. Kommerzielle Nutzung nur mit Genehmigung und Vertrag. CC BY-NC-ND 4.0