Wir sprechen über Gedächtnis meist, als wäre es ein Behälter. Etwas wird gespeichert, bleibt dort liegen und wird später wieder herausgeholt. Vergessen bedeutet in diesem Bild: Es ist nicht mehr da.
Aber genau diese Vorstellung wird schnell schwierig.
Wir kennen Situationen, in denen etwas scheinbar verschwunden ist und Stunden später unvermittelt wieder auftaucht. Ein Name liegt „auf der Zunge“. Eine Erinnerung ist an einem bestimmten Ort plötzlich wieder da. Ein Geruch, eine Melodie oder ein Satz öffnet einen Zusammenhang, an den wir lange nicht gedacht haben.
Vielleicht sagt das Nichterinnern also weniger über den Speicher aus, als wir gewöhnlich annehmen.
In meinem Essay „Gedächtnis als Zugriffsproblem“ versuche ich deshalb, verschiedene Vorgänge auseinanderzuhalten: Encoding, Bindung, Reaktivierung, Herkunftsprüfung, bewussten Zugriff, Rekonsolidierung und Selektion.
Daraus ergibt sich zunächst eine einfache Unterscheidung: Eine Repräsentation kann gespeichert sein und trotzdem nicht erreichbar sein. Das Modell trennt deshalb zwischen tatsächlichem Substratverlust, gestörten Zugangswegen und einer Filterung dessen, was zwar reaktiviert wird, aber nicht in den bewussten Zugriff gelangt.
Eine zweite Trennung erwies sich während der Arbeit als mindestens ebenso wichtig:
Erinnerung ist nicht Überzeugung. Zugänglichkeit ist nicht Zuverlässigkeit.
Eine Erinnerung kann lebhaft sein und trotzdem falsch. Man kann an einer Erinnerung zweifeln, obwohl man sie deutlich vor sich sieht. Und wir können fest von Dingen überzeugt sein, an die wir selbst keinerlei episodische Erinnerung besitzen.
Aus diesen zunächst theoretischen Unterscheidungen ist inzwischen auch eine technische Arbeit entstanden. In einem kleinen epistemischen Kernel für autonome Systeme wird untersucht, ob sich „nicht gespeichert“, „nicht gefunden“ und „gefunden, aber nicht in den aktuellen Kontext gelassen“ tatsächlich als verschiedene Zustände operationalisieren lassen.
Der Ausgangspunkt bleibt aber eine sehr menschliche Frage:
Wenn ich mich an etwas nicht erinnere – was weiß ich dann eigentlich darüber, ob es noch da ist?