Thomas Peter Küper
Es gibt Wörter, die man so oft hört, dass man aufhört, sie zu hören.
Gottesdienst ist ein solches Wort.
Man geht zum Gottesdienst. Der Gottesdienst beginnt um zehn. Man besucht ihn, hält ihn ab, kommt zu spät. Das Wort bezeichnet eine Veranstaltung, einen Ort im Kalender, eine vertraute Form.
Erst wenn man es auseinanderzieht, wird es merkwürdig.
Gottes-Dienst.
Wer dient hier eigentlich wem?
Der Dienst des Menschen
Die naheliegende Antwort scheint selbstverständlich: Der Mensch dient Gott.
Er betet, singt, dankt, bittet, bekennt, hört. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf etwas, das größer ist als er selbst.
Doch schon die nächste Frage macht diese Selbstverständlichkeit brüchig:
Wozu sollte Gott diesen Dienst benötigen?
Ein Gott, der vollkommen oder wenigstens nicht bedürftig gedacht wird, braucht weder unseren Gesang noch unsere Gebäude. Er wird nicht vollständiger, weil Menschen ihn loben. Er verliert nichts, wenn am Sonntagmorgen die Kirche leer bleibt.
Wenn Gott nichts braucht, was bedeutet es dann, ihm zu dienen?
Vielleicht haben wir das Wort zu schnell verstanden.
Die andere Richtung
Die christliche Tradition kennt auch die umgekehrte Bewegung.
Im Gottesdienst handelt nicht nur der Mensch. Er empfängt.
Zuspruch, Vergebung, Wort, Segen, Gemeinschaft, Brot und Wein: Vieles von dem, was dort geschieht, lässt sich gerade nicht als menschliche Leistung für Gott verstehen.
Der Mensch kommt nicht nur, um etwas zu geben. Er kommt auch, um etwas zu empfangen.
Dient also Gott dem Menschen? Oder beschreibt das Wort gar keine eindeutige Richtung?
Die Frage wird interessanter, sobald man den Kirchenraum verlässt. Denn wenn Gott keinen Bedarf hat, den der Mensch durch religiöse Handlungen befriedigen könnte, müsste sich der Dienst an Gott vielleicht dort zeigen, wo tatsächlich etwas gebraucht wird.
Beim anderen Menschen. Beim Tier. Bei einer Landschaft. Bei einer Gemeinschaft. Vielleicht bei einer Wahrheit, die unbequem wird, sobald man sie ernst nimmt.
Dann wäre die Stunde am Sonntag nicht der eigentliche Gottesdienst. Sie wäre Erinnerung. Vielleicht Probe.
Arbeit, Dienst, Pflege
Ein Blick in ältere Sprachräume beweist diese Überlegung nicht. Etymologie entscheidet keine philosophischen Fragen. Aber sie kann zeigen, dass unsere heutigen begrifflichen Grenzen keineswegs selbstverständlich sind.
Im Hebräischen gibt es dafür ein Wort, das uns zeigen kann, dass unsere Trennung zwischen Arbeit und Gottesdienst nicht selbstverständlich ist.
Das hebräische ʿAvodah gehört zu einem Bedeutungsraum, in dem Arbeit und Dienst eng beieinanderliegen. Das Wort kann gewöhnliche Arbeit ebenso bezeichnen wie Dienst und kultischen Dienst.
Das bedeutet nicht, dass jede Arbeit Gottesdienst wäre. Aber die für uns vertraute Trennung zwischen alltäglichem Tätigsein und religiösem Dienst wird weniger selbstverständlich.
Ähnlich interessant ist das griechische leitourgía, aus dem unser Wort Liturgie hervorgegangen ist. Es bedeutete ursprünglich: einen öffentlichen Dienst tun, etwas für die Gemeinschaft. Erst später wurde daraus der stark religiös geprägte Begriff Liturgie.
Und dann ist da das lateinische cultus, verbunden mit colere: pflegen, bebauen, kultivieren, bewohnen, verehren.
Auch daraus folgt keine Theologie. Aber daraus entsteht ein bemerkenswertes Bild.
Ein Feld kann man nicht besänftigen. Man kann ihm nicht schmeicheln. Aber man kann es bestellen. Man kann es pflegen oder auslaugen, offenhalten oder versiegeln.
Die übrigen 167 Stunden
Auch das deutsche „Gottesdienst” bezeichnete historisch nicht ausschließlich die zeitlich abgegrenzte gemeinschaftliche Feier. Zu seinem Bedeutungsraum gehörten Glaubensausübung, Lebensführung und Dienst am Nächsten.
Wir legen damit vielleicht einen älteren Raum wieder frei.
Dann verändert sich auch die Bedeutung der Stunde in der Kirche.
Stille wäre eine Übung im Hören. Gesang eine Erfahrung gemeinsamer Stimme. Gebet eine Unterbrechung der eigenen Selbstverständlichkeit. Gemeinschaft die schwierige Erfahrung, dass andere denselben Raum beanspruchen wie ich.
Die Bewährungsprobe käme danach.
An der Supermarktkasse. Im Büro. Am Krankenbett. In einem Streit. Beim Schreiben einer Nachricht. Beim Zuhören, obwohl die eigene Antwort längst bereitliegt.
Die eine Stunde könnte eine Übung sein. Gottesdienst wären die übrigen 167 Stunden.
Nicht weil dadurch jede alltägliche Handlung heilig würde. Sondern weil sich in jeder von ihnen dieselbe Frage stellen kann:
Wie verhalte ich mich zu dem, was nicht ich bin?
Wenn Gott kein Gegenüber ist
An dieser Stelle lässt sich die Frage noch weiter treiben.
Was geschieht, wenn das Göttliche nicht als Wesen gedacht wird, das mir gegenübersteht? Was, wenn es kein Gegenüber ist, sondern das Feld, zu dem ich selbst gehöre?
Einem Feld kann man nicht dienen wie einem König. Man steht bereits darin. Man verändert es, während man handelt, und wird durch die Beziehungen darin selbst verändert.
Dann reicht die alte Grammatik nicht mehr aus. Hier der Mensch. Dort Gott. Dazwischen der Dienst.
Stattdessen gibt es eine Konstellation. Ich bin nicht außerhalb dessen, worauf ich einwirke. Der andere ist nicht bloß Gegenstand meines Handelns. Und das Feld ist kein dritter Teilnehmer, der über uns wacht.
Gottesdienst wäre dann eine Art des Stehens in Beziehung.
Durchlässigkeit und Verantwortung
Dazu gehört Durchlässigkeit. Nicht als Auflösung des Ichs.
Ein Mensch bleibt eine konkrete Stelle mit Erinnerung, Geschichte, Entscheidungsmöglichkeiten und Folgen. Aber er muss sich nicht als Ursprung von allem verstehen, was in ihm geschieht.
Wir kennen Augenblicke, in denen ein Gedanke auftaucht, bevor wir sagen könnten, woher er kam. Ein Satz stimmt plötzlich. Ein anderer Mensch erreicht uns. Etwas verändert unseren Blick. Wir sind nicht vollständig geschlossen.
Doch daraus darf keine Entschuldigung werden. „Es geschah durch mich” kann niemals bedeuten: „Also bin ich nicht verantwortlich.”
Andere Menschen begegnen nicht meinem metaphysischen Ursprung. Sie begegnen meinen Handlungen und ihren Folgen.
Daraus folgt ein entscheidender Satz:
Ich muss nicht Ursprung sein, um verantwortlich zu sein.
Zwischen zwei Fehlformen liegt damit ein schmaler Raum. Auf der einen Seite die Verhärtung: Ich erkläre mich zum Mittelpunkt und mache die Welt zum Material meiner Absichten. Auf der anderen Seite die Auflösung: Ich erkläre mich zum bloßen Durchgang und entziehe mich damit der Verantwortung.
Dazwischen liegt: Durchlässigkeit bei erhaltener Verantwortung.
Brauchen wir dafür noch Gott?
Nun muss die unangenehme Frage gestellt werden.
Wenn wir über Beziehung, Aufmerksamkeit, Offenheit für das Andere, Durchlässigkeit und Verantwortung sprechen können, wozu benötigen wir dann noch das Wort Gott?
Vielleicht benötigen wir es nicht. Dann wäre das Ergebnis eine Ethik der Beziehung mit religiöser Herkunft.
Aber „das Göttliche” bezeichnet vielleicht auch keinen weiteren Gegenstand innerhalb der Wirklichkeit – ein Name für jene Dimension, in der Beziehung für uns mehr sein kann als bloße Wechselwirkung: in der ein anderer Mensch nicht nur auf uns einwirkt, sondern uns etwas angeht; in der aus Wirkung Antwort und aus Antwort Verantwortung werden kann.
Ob man diese Dimension „Gott” nennen muss, bleibt offen. Denn sobald Gott wieder zu etwas wird, das wir vollständig definieren und besitzen können, beginnt möglicherweise jene Verhärtung, die wir gerade überwinden wollten.
Gottesdienst
Vielleicht war deshalb schon die erste Frage zu einfach.
Wer dient hier eigentlich wem?
Es gibt vielleicht kein eindeutiges Subjekt und Objekt – nur einen Modus des Daseins.
Eine Praxis der Beziehung. Die Bereitschaft, sich erreichen zu lassen, ohne sich aufzugeben. Die Bereitschaft, zu handeln, ohne die Welt zum bloßen Material des eigenen Willens zu machen. Die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Spur zu übernehmen, obwohl man nicht Ursprung des Ganzen ist.
Vielleicht muss das Feld nicht angebetet werden. Vielleicht muss es bestellt werden.
Und dann lautet die letzte Frage nicht mehr:
Wer dient hier eigentlich wem?
Sondern:
Wie soll ich mich in dem verhalten, was größer ist als ich und zu dem ich dennoch gehöre?
Dieser Essay ist der erste einer Reihe. Weiter: Die Architektur der Stille