Thomas Peter Küper
Es gibt eine beruhigende Vorstellung vom göttlichen Plan.
Für jeden Menschen existiert ein Weg. Vielleicht kennen wir ihn nicht. Vielleicht verlassen wir ihn zeitweise. Vielleicht verstehen wir erst rückblickend, warum etwas geschehen musste.
Aber der Weg ist da.
Diese Vorstellung kann Trost geben. Was geschieht, ist nicht bedeutungslos. Das eigene Leben besitzt Richtung, auch wenn diese im Augenblick verborgen bleibt.
Schwierig wird dieses Bild jedoch, sobald ein zweiter Mensch auftaucht.
Zwei Wege
Nehmen wir Person A. Für A existiere ein bestimmter Lebensweg. Nun kommt Person B hinzu. Auch B besitzt einen Weg. Gleichzeitig soll B einen freien Willen haben.
Solange beide nebeneinanderher leben, scheint kein Problem zu entstehen.
Aber Menschen leben nicht nebeneinanderher. Ihre Wege kreuzen sich.
B entscheidet sich. Und diese Entscheidung verändert die Möglichkeiten von A. Vielleicht geringfügig. Vielleicht für einen Nachmittag. Vielleicht für den Rest seines Lebens.
A kann alles richtig gemacht haben und trotzdem von einer Entscheidung getroffen werden, die nicht seine eigene war.
Was geschieht dann mit seinem vorgesehenen Weg?
Das Mehrkörperproblem der Freiheit
Wir behandeln die klassische Frage nach freiem Willen häufig, als beträfe sie eine Beziehung zwischen zwei Beteiligten: Gott und Mensch.
Weiß Gott bereits, was ich tun werde? Kann meine Entscheidung frei sein, wenn Gott sie vorher kennt?
Aber das wirkliche Problem ist größer. Freiheit findet nicht im Vakuum statt.
Meine Entscheidung verändert deine Möglichkeiten. Deine Entscheidung verändert die Möglichkeiten eines Dritten. Dessen Reaktion kehrt möglicherweise zu mir zurück und verändert wiederum meine nächste Entscheidung.
Freiheit ist deshalb kein isoliertes Vermögen. Sie ist relational wirksam.
Sobald mehrere freie Wesen denselben Wirklichkeitsraum teilen, entsteht ein Geflecht gegenseitiger Eingriffe. Das Problem der Vorsehung wird damit zu einem Problem der vielen Beteiligten.
Der perfekte Plan
Nun gibt es mehrere Möglichkeiten.
Vielleicht enthält der göttliche Plan bereits jede Entscheidung von B und jede ihrer Folgen für A. Dann stellt sich allerdings die bekannte Frage, in welchem Sinn B noch hätte anders entscheiden können.
Vielleicht kennt Gott sämtliche Möglichkeiten, ohne eine davon festzulegen. Dann wäre der Plan keine festgeschriebene Route mehr, sondern etwas anderes: ein Raum möglicher Verläufe.
Oder vielleicht existiert überhaupt kein individueller Plan im Sinne einer bereits vorgezeichneten Biographie. Dann wäre die Vorstellung vom „richtigen Weg” selbst das Problem.
Der entscheidende Punkt ist nicht, eine jahrtausendealte Debatte mit einem logischen Trick zu lösen. Er ist bescheidener und zugleich folgenreicher:
Wenn Freiheit wirklich ist und Menschen miteinander verbunden sind, dann kann man ihre Lebenswege nicht als voneinander unabhängige Linien zeichnen.
Vom Weg zum Möglichkeitsraum
Wir müssen deshalb das Bild wechseln.
Nicht mehr: Eine Linie, die bereits auf einer Karte eingezeichnet ist. Sondern: Ein Möglichkeitsraum.
In ihm existieren Bedingungen, Grenzen, Vorgeschichten und Handlungsmöglichkeiten. Nicht jeder Schritt ist möglich. Nicht jede Möglichkeit ist gleich wahrscheinlich. Vergangene Entscheidungen verändern, was als Nächstes überhaupt noch erreichbar ist.
Und vor allem: Ich bewege mich nicht allein darin. Andere Menschen verändern diesen Raum mit.
Dann wäre Freiheit weder absolute Unabhängigkeit noch bloße Illusion. Sie wäre die Fähigkeit, innerhalb eines bereits geformten und gemeinsam veränderten Möglichkeitsraums tatsächlich einen Unterschied zu machen.
Das ist weniger majestätisch als die Vorstellung eines vollkommen autonomen Willens. Aber sie liegt näher an unserer Erfahrung.
Reibung
Wo mehrere Handlungsmöglichkeiten aufeinandertreffen, entsteht Reibung.
Nicht als physikalischer Vorgang. Sondern als unvermeidbare Folge davon, dass verschiedene Menschen nicht dasselbe wollen, nicht dasselbe wissen, nicht dieselbe Geschichte besitzen und nicht denselben Platz einnehmen können.
Zwei Freiheiten können einander ermöglichen. Sie können einander erweitern. Aber sie können einander auch begrenzen.
Das ist kein Defekt, der erst durch moralisches Versagen in die Welt kommt. Schon Verschiedenheit genügt.
Eine Welt ohne jede Reibung wäre deshalb nicht notwendigerweise eine vollkommenere Welt. Sie könnte ebenso eine Welt sein, in der nichts wirklich verschieden ist.
Der gefährliche Schritt
Hier liegt jedoch eine Versuchung.
Wenn Reibung unvermeidbar ist und Veränderung hervorbringen kann, liegt der Satz nahe: Leiden ist notwendig, damit Entwicklung möglich wird.
Diesen Satz sollten wir nicht sagen.
Er verwandelt fremdes Leiden nachträglich in ein Mittel für einen größeren Zweck. Nicht jedes Leid bildet. Nicht jede Verletzung macht stärker. Nicht jede Katastrophe enthält eine verborgene Lektion.
Manches zerstört einfach.
Dass Menschen aus Leiden etwas hervorbringen können, bedeutet nicht, dass das Leiden deshalb notwendig oder gut gewesen wäre.
Dieser Unterschied ist entscheidend.
Asymmetrie ohne Rechtfertigung des Leidens
Trotzdem bleibt eine tiefere Beobachtung bestehen.
Damit etwas Neues entstehen kann, muss es Unterschiede geben. Wo kein Unterschied besteht, gibt es nichts, worauf geantwortet werden müsste. Neues entsteht häufig dort, wo Erwartungen nicht erfüllt werden, Perspektiven aufeinandertreffen oder vorhandene Ordnungen an ihre Grenzen geraten.
Man könnte dies Reibung nennen. Doch Reibung ist zunächst moralisch neutral. Sie kann Erkenntnis hervorbringen. Sie kann Kreativität ermöglichen. Sie kann eine Beziehung verändern. Sie kann ebenso in Gewalt, Unterdrückung oder Zerstörung übergehen.
Die ethische Aufgabe besteht deshalb nicht darin, Reibung zu verherrlichen. Sie besteht darin, mit unvermeidbarer Differenz so umzugehen, dass aus ihr nicht unnötig Vernichtung entsteht.
Der Plan nach dem Plan
Was bleibt dann vom göttlichen Plan?
Weniger Gewissheit. Aber vielleicht eine interessantere Vorstellung.
Vielleicht besteht ein göttlicher Plan nicht darin, dass für jeden Menschen bereits feststeht, welche Straße er am Dienstag um 14.37 Uhr entlanggehen wird. Vielleicht bezeichnet „Plan” überhaupt keine Abfolge von Ereignissen.
Vielleicht liegt Ordnung auf einer anderen Ebene. In den Bedingungen, unter denen Neues entstehen kann. In der Möglichkeit von Beziehung. In der Tatsache, dass Handlungen Folgen haben. In der Offenheit dafür, dass auf Geschehenes geantwortet werden kann.
Dann wäre die Zukunft weder vollständig geschrieben noch vollkommen ungeformt. Sie entstünde fortwährend aus Bedingungen, Entscheidungen, Begegnungen und Folgen.
Verantwortung
Damit kehrt ein Satz zurück, der bereits Gottesdienst beschlossen hat.
Ich bin nicht Ursprung des Ganzen. Ich habe meine Ausgangslage nicht gewählt. Ich habe die anderen Menschen nicht erschaffen. Ich kontrolliere ihre Entscheidungen nicht.
Und trotzdem geschieht an meiner Stelle etwas, das ohne mich anders geschehen wäre.
Deshalb kann Verantwortung nicht bedeuten, für alles verantwortlich zu sein. Aber ebenso wenig kann sie bedeuten, nur für das verantwortlich zu sein, was vollständig aus mir selbst stammt.
Ich muss nicht Ursprung sein, um verantwortlich zu sein.
Freiheit wäre dann nicht die Macht, einen unberührten eigenen Weg zu gehen. Sie wäre die Fähigkeit, innerhalb eines Geflechts von Bedingungen und fremden Entscheidungen eine Antwort zu geben, für deren Folgen ich einstehen muss.
Die kreuzenden Wege
Vielleicht gibt es also keinen vollkommenen persönlichen Weg, von dem andere Menschen uns lediglich abbringen können.
Vielleicht gehören die Kreuzungen zum Weg.
Nicht weil jede Kollision vorgesehen wäre. Nicht weil jedes Leid notwendig wäre. Und nicht weil hinter jedem Verlust eine verborgene Absicht stehen müsste.
Sondern weil ein Leben unter anderen freien Wesen gar nicht anders existieren kann als in Kreuzungen.
Dann wäre die entscheidende Frage nicht:
Bin ich noch auf meinem vorgesehenen Weg?
Sondern:
Was mache ich mit dem Möglichkeitsraum, der an dieser Kreuzung entstanden ist?
Darin liegt vielleicht eine nüchternere Form von Vertrauen.
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