Han — Das Fleisch der Jahre
Linh ist vierundzwanzig und sucht etwas, das sie nicht benennen kann. Han ist ein koreanisches Wort. Es gibt kein deutsches.Kurzteaser
Linh ist vierundzwanzig und sucht etwas, das sie nicht benennen kann. Ihre Urgroßmutter wurde 1925 in Vietnam geboren. Was ihr angetan wurde, steht in keinem Dokument. Was sie trotzdem weitergegeben hat — ein Tongefäß, ein Schweigen, eine Himmelsrichtung — findet Linh erst jetzt.
Han ist ein koreanisches Wort. Es gibt kein deutsches.
Der Roman
Linh lebt seit zwei Jahren in einer deutschen Stadt und studiert Germanistik ohne rechten Grund. Was sie wach hält, hat keinen Namen.
Ihre Mutter starb, als Linh sieben war. Was von ihr blieb: ein Geruch, das Gewicht einer Hand auf der Schulter, ein Satz über Reis, der zweimal gewaschen werden muss. Und eine Kiste, die Linh zwei Jahre lang nicht geöffnet hat.
Darin liegt ein kleines Tongefäß, handgeformt, ohne Glasur, mit einem Daumenabdruck in der Seite. Wessen Daumen das war, wird sie nie erfahren.
Linh findet in Archiven, was das Archiv weiß — und das ist wenig: La mère ne s'est pas présentée. Die Mutter ist nicht erschienen. État de santé de la mère: non évalué. Nicht bewertet, weil niemand gefragt hat.
Sie trifft eine alte Frau, die Gemüse schneidet und deren Messer kurz aufhört, sich zu bewegen, als das Gefäß auf den Tisch kommt. Sie lernt, mit Fragen zu sitzen, die sich nicht stellen lassen. Sie lernt, dass das Schweigen ihrer Urgroßmutter, ihrer Großmutter, ihrer Mutter nicht leer ist — dass es etwas trägt, das keinen Namen hat, aber da ist.
Han ist ein koreanisches Wort. Es gibt kein deutsches dafür, kein vietnamesisches, das Linh kennt. Han vererbt sich. Das ist keine Metapher.
Vier Generationen von Frauen. Ein Tongefäß, das von Hand zu Hand geht, ohne Erklärung. Und am Ende ein einziger Satz in Hoas Handschrift: Der Fluss liegt nordöstlich des Dorfes.
Keine Antwort. Eine Richtung.
Von dem, was bleibt, wenn niemand mehr spricht. Von der Geste des Weiterlebens. Vom Reis, der zweimal gewaschen wird. Das erste Wasser trägt das Schmutzige. Das zweite das Feine.
„Han vererbt sich. Das ist keine Metapher.”