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Gesellschaft & Gegenwart

Vom Flanieren

Über das Verschwinden des Zwecklosen

Essay Thomas Peter Küper

Der Spaziergang

Gestern bin ich durch die Stadt gegangen. Ohne Ziel. Ohne Kopfhörer. Ohne die Absicht, irgendwo anzukommen.

Nach zehn Minuten griff ich zum Telefon. Nicht weil jemand anrief. Nicht weil ich etwas nachschauen musste. Sondern weil die Leere, die entsteht, wenn man einfach nur geht, inzwischen ein Zustand ist, den der Körper nicht mehr aushält. Er will gefüllt werden. Sofort.

Ich habe das Telefon wieder eingesteckt. Aber der Impuls blieb den ganzen Weg über da, wie ein Jucken, das man nicht kratzen darf.

Flanieren war einmal selbstverständlich. Heute ist es ein Akt des Widerstands — gegen wen oder was, weiß man nicht genau. Aber es fühlt sich an wie Widerstand.


Was verschwunden ist

Flanieren ist nicht Spazierengehen. Spazierengehen hat ein Ziel — Gesundheit, Bewegung, frische Luft. Man tut es, weil es einem guttut. Es steht in der Krankenkassen-App unter Aktivitäten.

Flanieren hat kein Ziel. Das ist der Punkt. Man geht, um zu gehen. Man schaut, was da ist. Man biegt ab, weil eine Gasse interessant aussieht, nicht weil sie irgendwohin führt. Man bleibt stehen, weil ein Laden ein Schild hat, das man noch nie bemerkt hat, obwohl man hundertmal daran vorbeigelaufen ist.

Das klingt harmlos. Es ist harmlos. Und genau deshalb hat es keinen Platz mehr.

Wir haben die Zwecklosigkeit abgeschafft. Nicht durch Verbot — durch Verdrängung. Jede Minute gehört jetzt jemandem oder etwas. Dem Kalender, der App, dem Schrittzähler, dem Podcast, der Stimme im Ohr, die erklärt, wie man produktiver wird. Die Zwischenstücke — die Zeit, in der man einfach nur da war — sind verschwunden wie die Blumenwiesen zwischen den Neubaugebieten. Nicht absichtlich beseitigt. Einfach überbaut.


Die Stadt als Durchgangsort

Städte waren einmal dafür gebaut, dass man in ihnen verweilt. Arkaden, Plätze, Bänke, Brunnen — alles Einladungen, sich hinzusetzen und nichts zu tun. Einfach zu schauen. Auf die Leute, die Tauben, den Himmel über den Dächern.

Heute sind Städte Logistiksysteme. Man bewegt sich von A nach B. Die Fußgängerzone ist ein Trichter, durch den man zum Konsum fließt. Die Bank vor dem Geschäft steht nicht zum Sitzen da — sie steht da, damit man beim Warten auf den Partner, der drinnen einkauft, nicht ungeduldig wird.

Wo die Bänke verschwinden, verschwinden die Alten. Wo die Alten verschwinden, verschwindet die Langsamkeit. Wo die Langsamkeit verschwindet, verschwindet das Schauen. Am Ende hat man eine Stadt, durch die alle gehen und in der niemand mehr ist.


Die andere Art zu flanieren

Manchmal flaniert man nicht durch Straßen, sondern an einem Menschen.

Das passiert in der S-Bahn, auf einer Parkbank, in einem Wartezimmer. Man schaut jemanden an — nicht weil man etwas will, sondern weil etwas in der Art, wie dieser Mensch da ist, die Aufmerksamkeit hält. Eine Geste, eine Beiläufigkeit, ein kleiner unbewachter Moment, in dem jemand etwas tut, ohne zu wissen, dass man zuschaut.

Jemand stellt seine Tasche weg, um einer Frau neben sich Platz zu machen. Jemand schaut aus dem Fenster, ohne sein Telefon in der Hand. Jemand lächelt über etwas, das nur er sieht.

Man erkennt Menschen nicht an dem, was sie sagen. Man erkennt sie an den kleinen unbewachten Momenten. Wenn niemand zuschaut. Wenn es nichts zu gewinnen gibt.

Das ist Flanieren im eigentlichen Sinn — nur nicht durch eine Stadt, sondern durch eine Gegenwart, die sich zeigt, weil man sie nicht gesucht hat.


Die Angst vor dem Leeren

Ich glaube, das Problem ist nicht die fehlende Zeit. Die meisten Menschen hätten Zeit zum Flanieren. Eine halbe Stunde am Tag, die sie stattdessen mit Scrollen verbringen.

Das Problem ist, was passiert, wenn man es tut.

Wenn man ohne Ziel geht, ohne Ablenkung, ohne den Strom der kleinen Dopaminschübe, die das Telefon liefert — dann wird es still. Und in der Stille kommen die Gedanken, die man den ganzen Tag fernhält. Die unerledigte Frage. Das ungeführte Gespräch. Die Erkenntnis, dass man sich langweilt, nicht weil nichts da ist, sondern weil man verlernt hat, mit dem umzugehen, was da ist.

Flanieren ist anstrengend. Nicht körperlich. Sondern weil es den Raum öffnet, den man den ganzen Tag geschlossen hält.


Was fehlt

Wir optimieren alles. Die Route, die Schritte, die Kalorien, die Bildschirmzeit, den Schlaf. Wir haben für alles eine App und für nichts mehr ein Fenster.

Was fehlt, ist nicht die Zeit. Was fehlt, ist der Zustand, in dem man ohne Absicht aufmerksam ist. In dem man schaut, ohne zu suchen. In dem man geht, ohne anzukommen.

Das Zwecklose ist kein Luxus. Es ist der Ort, an dem sich die Dinge zeigen, die man nicht gesucht hat — weil man nicht wusste, dass sie da sind. Eine Orchidee in einem Fenster. Hellblaue Vorhänge. Eine Kastanie, die zu früh blüht. Ein Mensch in der S-Bahn, der sein Telefon nicht anschaut.

Man muss nirgendwo hin, um das zu sehen. Man muss nur aufhören, irgendwo hinzuwollen.

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