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物の哀れ · mono no aware

Japanisch · Wörtlich: das Pathos der Dinge

Tiefenwörter Thomas Peter Küper

Jedes Jahr im April warten die Japaner auf die Kirschblüte. Sie kommen zu Tausenden in die Parks, setzen sich unter die Bäume und schauen zu, wie die Blütenblätter fallen.

Das Fest heißt Hanami – Blüten betrachten. Nicht pflücken. Betrachten.

Und wenn die Blüten nach einer Woche zu Boden gehen, ist das kein Verlust. Es ist der Punkt.

Mono no aware lässt sich nicht übersetzen, ohne es zu beschädigen. Wörtlich: das Pathos der Dinge. Aber aware meint etwas Leiseres – ein Seufzen, ein Innehalten, ein stilles Erschüttert-Werden von der Tatsache, dass alles, was schön ist, nicht bleibt.

Im Deutschen sagen wir: Nichts ist für immer. Das ist eine Feststellung.

Mono no aware ist kein Satz über die Welt. Es ist ein Zustand in dem, der sie betrachtet. Nicht: Dinge vergehen. Sondern: Ich bin berührt davon, dass sie vergehen. Und diese Berührung ist keine Schwäche. Sie ist die genaueste Form der Aufmerksamkeit, die es gibt.


Das Pali – die Sprache des frühen Buddhismus – hat anicca: Unbeständigkeit als Grundgesetz des Seins. Nicht als Trauer. Als Erkenntnis. Alles was entsteht, vergeht – nicht manchmal, nicht meistens, sondern immer und ohne Ausnahme.

Anicca ist nicht die Antwort auf die Frage der Vergänglichkeit. Es ist der Boden, auf dem alle anderen Antworten stehen.


Andere Sprachen stehen auf diesem Boden – und antworten verschieden.

Das Koreanische und das Türkische antworten gemeinsam, obwohl sie einander nie gehört haben. Das koreanische han – ist aufgestaute Trauer über Generationen: ein Schmerz, der so lange gewartet hat, bis er sich in etwas Seltsames verwandelt hat. Nicht Bitterkeit. Eher wie ein Stein, den das Wasser geschliffen hat. Han brennt nicht. Es leuchtet. Das türkische hüzün ist ähnlich, aber kollektiver – die Melancholie einer ganzen Stadt über ihre vergangene Größe. Man trägt hüzün nicht allein. Man atmet es ein, sobald man die Straßen betritt. Vergänglichkeit als gemeinsames Erbe. Als Luft.

Das Finnische hat haikea – und für dieses Wort gibt es ein genaues Bild: Der letzte Abend eines langen Sommers. Das Fenster noch offen. Die Luft schon anders. Man weiß, was morgen kommt, und sitzt trotzdem noch draußen, weil man weiß, dass man sich an genau diesen Moment erinnern wird. Haikea klagt nicht. Es nimmt Abschied – mit offenen Augen.

All diese Sprachen neigen sich in dieselbe Richtung: Spür es. Trag es. Lass es schön sein, weil es vergeht.


Und dann ist da Westafrika, das widerspricht.

Das Akan-Volk in Ghana hat Sankofa – ein Vogel, der vorwärts fliegt und dabei rückwärts schaut, ein Ei im Schnabel. Der Name bedeutet: Go back and fetch it. Geh zurück und hol es dir.

Ein Mann, dessen Vater gestorben ist, geht zurück in das Haus seiner Kindheit. Er holt einen Brief, den sein Vater nie abgeschickt hat. Er liest ihn.

Das ist Sankofa.

Mono no aware hätte ihn unter dem Kirschbaum sitzen lassen und zuschauen, wie die Blüten fallen. Sankofa schickt ihn ins Haus.

Zwei Kulturen, zwei Antworten auf dasselbe Verschwinden. Mono no aware sagt: Lass es gehen, weil es schön ist. Sankofa sagt: Hol es zurück, weil es dir gehört.

Beide wahr. Anicca schweigt dazu. Es ist der Boden unter beiden.


Und die australischen Ureinwohner stellen die Frage neu.

In der Weltanschauung der Aborigines existiert die Traumzeit – the Dreaming – nicht in der Vergangenheit. Sie ist jetzt. Parallel. Die Schöpferwesen, die das Land gesungen haben, singen es noch. Was war, ist nicht vorbei – es ist nur in einer anderen Schicht der Wirklichkeit.

Für eine Sprache, in der Zeit kein Fluss ist, sondern ein Feld, gibt es keine Vergänglichkeit. Nur Anwesenheit in verschiedenen Formen.

Vielleicht ist das keine Antwort auf die Frage. Vielleicht ist es das Ende der Frage.


Ein Kirschbaum, der ewig blühte, wäre ein Möbelstück. Einer, der eine Woche blüht, ist ein Ereignis.

Schau ihn an, solange er blüht. Und wenn du zurückmusst – geh.


Im Deutschen sagen wir: Genieß es, solange es dauert.

Auf Japanisch wäre es: Es ist schön, weil es nicht dauert.

TiefenwörterSpracheJapanischVergänglichkeitSchönheitStilleTürkischKoreanischFinnischAkanAboriginesBuddhismus
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