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Selbstwert

Was sieben Sprachen wissen, was wir vergessen haben

Tiefenwörter Thomas Peter Küper

Im Deutschen sagen wir Selbstwert. Das Wort wiegt. Es klingt nach Bilanz – nach etwas, das man hat oder schuldet. Als wäre das Selbst ein Gegenstand, dem man einen Preis zuweist.

Aber was, wenn andere Sprachen eine andere Frage stellen?


Die Norweger sagen selvfølelse – das Selbstgefühl. Nicht Wert. Gefühl. Die Frage ist nicht: Was bin ich wert? Die Frage ist: Was fühle ich, wenn ich ich bin? Ein Mensch, der sich selbst fühlen kann, braucht weniger von außen. Nicht weil er mehr hat. Sondern weil er anders fragt.

Die Russen sagen достоинствоdostoinstvo. Würde. Nicht als Leistung, sondern als Haltung. Das Wort klingt nach aufrechtem Gehen. Nach dem, was bleibt, wenn man alles verloren hat außer sich selbst. In der russischen Literatur ist dostoinstvo das Letzte, was man einem Menschen nehmen kann – und das Erste, das er sich selbst nimmt, wenn er aufhört, sich zu achten.

Im Arabischen gibt es الذاتal-dhat. Das Wesen. Das Eigenste. Nicht das Ich, das sich präsentiert – sondern das Ich, das ist, bevor es sich zeigt. Dhat ist der philosophische Kern, den die Sufi-Tradition als den Ort beschreibt, an dem Mensch und Ursprung sich berühren. Selbstwert wäre hier: die Verbindung zu dem, was man wirklich ist – jenseits der Rollen, der Namen, der Erwartungen.

Im Hebräischen sagt man עצםetzem. Knochen. Kern. Das Innerste. Das Wort meint buchstäblich das, was trägt, wenn alles andere wegfällt. Selbstwert als Skelett – nicht sichtbar, nicht glänzend, aber das, ohne das man nicht stehen kann. Im jüdischen Denken wird etzem auch als Wesen übersetzt: das, was einen Menschen zu dem macht, was er ist, und nichts anderem.

Im Vietnamesischen trägt das Wort ein Organ in sich: lòng tự trọng – das Herz der Selbstachtung. Lòng ist Herz, Inneres, der Ort, von dem Entscheidungen wirklich kommen. Selbstwert sitzt nicht im Kopf. Er sitzt tief, dort wo man ihn spürt, bevor man ihn benennt.

Das Chinesische sagt dasselbe auf andere Weise: 自尊心zì zūn xīn. Das Herz der Selbstehrung. Xīn ist Herz und Geist zugleich – eine Sprache, die nie zwischen Fühlen und Denken getrennt hat. Zūn bedeutet achten, fast verehren. Als wäre Selbstwert keine Einschätzung, sondern eine Praxis – etwas, das man dem eigenen Herzen gegenüber täglich neu vollzieht.

Im Japanischen heißt es 自尊心jison-shin. Dieselben Zeichen, eine andere Betonung. Das Japanische trägt darin die Idee der ma – der bedeutsamen Pause, des Raums zwischen den Dingen. Selbstwert als das Wissen, dass man Raum einnehmen darf. Dass die eigene Stille nicht Leere ist, sondern Anwesenheit.


Sieben Sprachen. Sieben Antworten auf dieselbe Frage.

Selbstwert ist kein Besitz. Er ist ein Ort. Ein Gefühl. Eine Haltung. Ein Knochen. Ein Herzschlag.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe: nicht den eigenen Selbstwert aufzubauen – als wäre er ein Gebäude, das fertiggestellt werden muss. Sondern ihn zu finden. Immer wieder. In der Stille des Selbstgefühls. Im Aufrechtstehen nach dem Fallen. Im Knochen, der trägt, auch wenn man ihn vergessen hat.

Trotzdem: ich.

In jeder Sprache. Mit jedem Herzschlag.

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