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Musik & Klang

Manchmal, wenn ich spiele, verschwinde ich

Essay Thomas Peter Küper

Manchmal, wenn ich spiele, verschwinde ich.

Nicht vollständig. Nicht auf eine Weise, die ich erklären könnte, ohne sie dabei zu zerstören. Aber es gibt Momente am Flügel, in denen die Grenze zwischen dem, der spielt, und dem, was gespielt wird, durchlässig wird. In denen ich merke – immer zu spät, immer erst im Nachhinein –, dass ich aufgehört habe, die Musik zu führen, und sie mich zu führen begonnen hat.

Dann verändert sich etwas im Raum. Die Zuhörer werden anders. Ich sehe es nicht direkt, weil ich nicht mehr wirklich schaue – aber ich spüre es. Eine Stille, die sich verändert. Eine Aufmerksamkeit, die von Beobachten zu Teilnahme wechselt. Als ob die Musik durch mich hindurchatmet und dabei die anderen berührt, ohne dass ich das beabsichtigt hätte.

Das ist das schönste Gefühl, das ich kenne.

Und dann kommt der Husten.

Immer in diesem Moment. Immer, wenn das Schweben zu deutlich wird – wenn die Gänsehaut kommt und das leichte Schwindeln, das Gefühl, dass der Boden nicht mehr ganz unter mir ist. Dann greift der Körper ein. Er sagt: Wo bist du gerade? Und in dieser Frage bin ich schon zurück. Pianist wieder. Manager. Der Mann, der Tasten drückt.

Ich habe lange gedacht, der Husten sei Versagen. Ein biologischer Verrat an dem, was möglich wäre. Inzwischen glaube ich, er ist ehrlicher als das. Er zeigt, wie viel Auflösung ich gerade tragen kann. Nicht mehr. Noch nicht mehr.

Ich habe einmal versucht, davon zu erzählen. Einer Oboistin, die bei mir wohnte. Sie kannte das Gefühl nicht. Vielleicht hat sie gelernt, das Feuer nach innen zu nehmen. Vielleicht erlebt sie es anders. Ich weiß es nicht. Man kann es niemandem geben.

Aber seitdem trage ich es meistens allein. Nicht klagend – es ist keine Last. Eher ein Geheimnis, das ich mit mir herumtrage und für das ich keine Gesellschaft brauche, aber manchmal eine vermisse.

Was ich von denen weiß, die dabei sind: Ich spiele nicht gut. Ich spiele nach Gefühl. Und dieses Gefühl löst etwas aus – nicht in allen, aber in manchen. Das ist das Rätsel, das ich nicht lösen will.

Wenn ich aufblicke, sehe ich manchmal Tränen. Dann kommen mir ebenfalls Tränen. Ich möchte die Menschen in den Arm nehmen.

Was ich inzwischen weiß: Diese Momente lassen sich nicht herbeiführen. Man kann sie einladen, nicht erzwingen. Man kann sich vorbereiten, stimmen, öffnen – und dann muss man loslassen. Wirklich loslassen, nicht so tun als ob. Der Unterschied ist körperlich spürbar und vollkommen unverhandelbar.

Und das Festhalten – auch das unbewusste, auch das des Hustens – kommt nicht aus Angst. Es kommt aus Liebe zu dem Moment. Ich will ihn halten. Ich will, dass er bleibt. Und genau das beendet ihn.

Das ist vielleicht das Einzige, was ich wirklich über Musik weiß. Und über vieles andere auch.

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